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Itras By ist ein surreales Rollenspiel – der Beginn einer Reise hinaus aus der Wirklichkeit.
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Die Sprechenden Namen

Posted by Carsten Damm (Creator)
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Das Setting von Itras By ist voller sprechender Eigennamen. Während manche davon problemlos stehenbleiben können und in dieser Form sogar besser passen, haben andere eine stärkere Wirkung, wenn man sie übersetzt. Dieses Update soll einen kleinen Einblick geben, wie einige der deutschen Eigennamen in Itras By zustande gekommen sind.

Itras By selbst
Wortwörtlich bedeutet dieser Name nichts weiter als “Itras Stadt”, wobei “Itra” der Name der Göttin ist, von der die Spielwelt, deren Zentrum und hauptsächlicher Spielort die Stadt ja ist, erschaffen wurde. In demselben Stadium der Übersetzung, in dem ich auch an die Eindeutschung der Stadtteilnamen ging, hatte ich kurz mit dem Gedanken gespielt, einen Namen zu wählen, der mehr wie ein “echter” deutscher Städtename klingt, und im Kopf mit einigen Möglichkeiten jongliert, aber alle Ideen, die ich hatte, ob es nun “Itrastadt” war oder gar so etwas wie “Itrahausen”, fand ich bestenfalls unpassend und schlimmstenfalls richtig schrecklich, also blieb es beim Original. Gelegentlich erscheint im Text allerdings der Begriff “Itras Stadt”, wenn nicht der Eigenname, sondern eher eine Beschreibung gemeint ist.

Die Stadtteile
Im frühen Stadium der Übersetzung und für die ersten Abenteuer, die ich im Setting leitete, beließ ich die Stadtteilnamen im norwegischen Original. Irgendwann allerdings kam mir der Gedanke, dass ich sie vielleicht doch lieber übersetzen sollte, weil es sprechende Namen sind, ich wollte aber auch unbedingt, dass sie sich wie echte, glaubwürdige Stadtteilnamen anhören sollten. Also gab es ein Brainstorming in der “Hühnerrunde”, unserer nur aus Frauen bestehenden Rollenspielgruppe - bei derartigen Fragen ist eine Schwarmintelligenz einfach nicht zu schlagen.

Kirkehaugen war einfach. Wortwörtlich übersetzt heißt der Begriff “Kirchenhügel”, da wurde mein erster und einziger Vorschlag “Kapellenberg”, den ich in die Gruppe warf, von den Hühnern sofort und ohne weitere Vorschläge als schön und passend befunden.

Sortvika ging auch relativ schnell. Wortwörtlich heißt das “Schwarzbucht”, und für die Übersetzung hatte ich mit den Begriffen "Finsterbucht", "Düsterbucht" und "Finsterförde“ gespielt. Mit diesen Ideen war ich allerdings nicht so richtig glücklich, weil keiner der Namen sich in meinen Ohren wie ein echter Stadteil anhörte. Eines der Hühner kam aber davon ausgehend sehr schnell auf “Schwarzenförde”, und das gefiel mir ausgezeichnet und war gekauft.

Storenga - wortwörtlich "große Wiese" - war da schon ein bisschen kniffliger. Ich dachte zunächst "Wiesenau" gedacht, weil das in mehreren Städten in Deutschland ein echter Stadtteil ist. Im Hühner-Brainstorming wurde dieser Vorschlag allerdings hinterfragt und erst gutgeheißen, als ich bestätigen könnte, dass es im Setting in dem Stadtteil ein Fließgewässer gibt - offenbar ist es ein zentraler Bestandteil einer “Au”, dass Wasser hindurchfließen muss, was ich so bis dahin gar nicht wusste. Als Alternativen schlugen die Hühner noch “Gartenstadt” und “Grüner Wöhrd” vor, aber ersteres war mir ein bisschen zu prosaisch, obwohl (oder weil?) auch das ein in einigen deutschen Städten real existierender Stadtteil ist, und letzteres hatte den Nachteil, aus zwei Worten zu bestehen, während ich eigentlich am liebsten nur einwörtrige Namen verwenden wollte. Als mir dann noch einfiel, dass ich neben “Wiesenau” ja auch an “Aufeld” gedacht hatte, und diesen Namen in die Diskussion warf, fand er allgemeinen Anklang und gefiel den Hühnern besser als “Wiesenau”, also wurde es das.

Der Stadtteil Myntekollen, “Münzhügel”, brauchte am meisten Hirnschmalz. Die erste Idee, die ich in die Runde warf, war "Dukatenbuckel" oder etwas in der Art, aber das kam bei den Hühnern nicht so gut an, und so nannten sie als Gegenvorschläge zunächst “Talerhügel” oder “Talerbuck”. Aber mit “-buck” konnte nun ich wiederum nichts anfangen, und die Endung "-hügel" wollte ich eigentlich ganz gerne vermeiden, weil ich nicht wüsste, dass das in echten Städten ein gängiger Stadteilname wäre, während ich beim “Dukatenbuckel” an den realweltlichen “Aubuckel” der Stadt Mannheim hatte denken müssen. “Buckel” allerdings klang den Hühnern zu süddeutsch, während dem Setting (zumindest in meiner Vorstellung, und offenbar auch in derjenigen der Hühner) durch seine norwegische Herkunft ja doch irgendwie ein gewisses nordisches Flair anhaftet. Der nächste Vorschlag war “Talerbühl”, und das gefiel mir richtig gut. Ich war mir zwar nicht so sicher, ob ein Bühl denn überhaupt ein Hügel ist, und auch das vorschlagende Huhn konnte sich nur noch dunkel daran erinnern, dass in der deutschen Tolkien-Übersetzung der Hobbit “unterm Bühl” wohnt, aber eine kurze Recherche bestätigte das sehr schnell, also war “Talerbühl” perfekt. Da konnte der noch nachgeschobene Vorschlag “Münzbühl” bei weitem nicht mithalten.

Das Filmstudio
In der norwegischen Originalversion und in der englischen Übersetzung von Itras By heißt das Filmstudio des Settings “Babelsberg”. Für die deutsche Ausgabe war mir dieser Name allerdings zu dicht am real existierenden, modernen Studio Babelsberg in Berlin - ich wollte etwas, das zwar daran erinnerte, aber trotzdem ein bisschen entfernt vom echten Leben war. Zunächst dachte ich an “Barrandov”, das legendäre tschechische Filmstudio, in dem die ganzen Märchenfilme der 1970er und 1980er gedreht wurden. Aber eines der Hühner kam auf die Idee, “Boberow” zu nehmen, den alten sorbischen Namen für Babelsberg, und das war absolut ideal.

Die Zerrfratzen
Im Setting von Itras By gibt es eine Gruppe von Personen, die permanent verzogene Gesichter haben, weil sie gerade eine Grimasse schnitten, als der Wind sich drehte. Im norwegischen Original heißt so jemand “vrengetryne”, von “å vrenge” = “verzerren, verziehen, nach außen kehren” und “tryne” = “Fresse, Schnauze”. In der englischen Version wurde das Wort sehr poetisch mit “grimasque” übersetzt, wie ich später sah, aber “Grimaske” oder auch “Grimasque” hätte auf Deutsch nicht so gut funktioniert, wie ich fand. Deswegen beließ ich es beim sprachlich näheren “Zerrfratze”.

Victor Oppheimer
Der Charakter Victor Oppheimer ist ein Mann mit dem Kopf eines Moschusochsen. Im Original ist sein Spitzname “Muldredyr”, und während “dyr” = “Tier” bedeutet, muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was genau es mit dem Wortteil “muldre” auf sich hat. Im Wörterbuch konnte ich nichts Passendes finden, und selbst, als ich wusste, dass der Autor selbst für die englische Version Victors Spitznamen mit “Boulderbeast” übersetzt hatte, half mir das nicht groß weiter. Ich stand völlig auf dem Schlauch und übergab das Problem ohne jeden Vorschlag meinerseits samt einer Erklärung und einer Charakterbeschreibung an die Schwarmintelligenz der Hühner. Von denen kamen zahlreiche Vorschläge wie “Querkopf”, “Felskopf”, “Klopskopf” (das fand ich schonmal um ein Vielfaches besser als alles, was mir bis dahin so eingefallen war), außerdem auch einige (vor allem in Süddeutschland) real existierende Nachnamen wie “Stierschädel”, “Ochsenkopf” und “Breitschädel”, aber die vermochten mich alle nicht so richtig zu packen. Dann jedoch schlug ein Huhn neben “Zottelvieh” und “Zottelbacke” auch “Zottelkopf” vor, und letzteres war perfekt.

-- Esther

Sebastian D., Thomas M Weghofer, and 5 more people like this update.

Comments

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    1. Missing avatar

      Esther Lewit on

      @aikar: Ich komme leider erst jetzt dazu, hier einen Kommentar zu hinterlassen, aber ich möchte das, was Carsten vor ein paar Tagen schon sehr treffend gesagt hat, mit einem eigenen Kommentar doch selbst auch noch mal ein bisschen unterstützen.
      Ich habe ja schon versucht, es im Artikel selbst ein bisschen anzudeuten: Für mich sollten die Stadtteilnamen vor allem organisch und 'echt' klingen, so als könnten sie auch in einer real existierenden Stadt vorkommen.

      Um mal das Beispiel "Kapellenberg" aufzunehmen:
      Ich kenne einige realweltliche Stadtteile, die auf -berg enden, obwohl es sich bei den zugehörigen Anhöhen eher um Hügel handelt (Riedberg, Lohrberg), aber keinen einzigen Stadtteil mit -hügel, deswegen kam ich auf "Kapellenberg" statt "Kirchenhügel". "Kirchberg" wäre sicherlich auch gegangen, oder alternativ vielleicht auch "Kirchhöhe" oder "Kapellenhöhe", aber irgendwann kommt einfach auch der Geschmack ins Spiel, und von den Möglichkeiten klang "Kapellenberg" einfach am schönsten in meinen Ohren.

      Für den "Münzhügel" gilt dasselbe: Das war für mich einfach kein plausibler Stadtteilname. "Ich wohne in Münzhügel" oder "Ich wohne auf dem Münzhügel"? Hmm. Nein. "Talerbühl" ist da einfach runder.

      Davon abgesehen werden auch im norwegischen Original mit "-kollen" und "-haugen" zwei unterschiedliche Begriffe gewählt, die beide "Hügel" bedeuten. Es ist völlig legitim, bei einer Übersetzung ebenfalls mit Synonymen zu arbeiten, in diesem Falle eben mit "-bühl" und "-berg".

    2. Missing avatar

      Marius on

      Sehr interessante Artikel, der verdeutlicht, wie das Übersetzer-Gehirn tickt ;) Und den Vorgang der Übersetzung transparent macht. Sehr gut!
      Natürlich, über Geschmack lässt sich streiten, aber ich finde, es geht zu weit, wenn viel zu viele Menschen bei solchen Begriffen ein Mitspracherecht hätten. Viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Also ich für meinen Teil, finde die gewählten Übersetzungen gelungen - und freue mich jeden Tag immer ein bisschen mehr, das Werk irgendwann in den Händen zu halten.

    3. Carsten Damm Creator on

      @aikar: Du sagst das, als wenn es etwas schlechtes wäre. :)

      Ich kann da jetzt natürlich nicht für Esther sprechen, insofern nur meine Einstllung dazu: Bei Übersetzungen gibt es immer etwas Spielraum, insbesondere bei Namen. Eine direkte, wortwörtliche Übersetzung wirkt in den meisten Fällen etwas unbeholfen. Aus meiner Sicht sollte man sich - insbesondere bei einem Setting wie Itras By, in dem die Stadt eine gewisse Geschichte hat - unbedingt Gedanken darüber machen, wie die Namen sich in der eigenen Sprachen entwickeln und auf einer Landkarte aussehen würden. "Schwarzenförde" vs "Schwarzbucht" ist dabei mein persönlicher Favorit und sicherlich ein Paradebeispiel für den Fall.

    4. Missing avatar

      aikar on

      Ich finde die wörtlichen Übersetzungen Kirchenhügel, Schwarzbucht und Münzhügel persönlich eigentlich gut, sogar besser als die, die ihr letztendlich gewählt habt. Vielleicht sind mir als Österreicher die gewählten Namen auch einfach zu deutsch ;)
      Darf man fagen, warum ihr unbedingt nach anderen Formulierungen gesucht habt?

    5. Sebastian D. on

      Schließe mich da an - sehr schön Einblick in die Namensfindung zu bekommen. Und auch die Wahl der Übersetzungen empfinde ich als sehr gelungen. Wobei mir auch Itrastadt durchaus passend erschienen wäre.

    6. Missing avatar

      Thorsten on

      Ein sehr schöner Einblick in die Entstehung des Projektes. Gerne mehr von solchen Hintergründen.